Lieb gewonnene Rituale

Jeder kennt sie: liebgewonnene Rituale. So wie im Privatleben so gibt es sie auch bei Stuttgart 21.

Aktuelles Beispiel, steht mal wieder eine Aufsichtsratssitzung der Deutschen Bahn an, so werden im Vorfeld immer gezielt vertrauliche Unterlagen an die Presse durchgestochen. Natürlich ist Stuttgart 21 eines der Themen, die in solchen Unterlagen bevorzugt zu finden sind! Jetzt schlägt wieder die große Stunde von Journalisten, die einstmals von den Stuttgart 21 Gegnern liebevoll z.b. „unser Mann in Berlin“ genannt wurden.

Anhand dieser Papiere, die der Leser nie zu Gesicht bekommen wird (der Journalist im übrigen auch nie vollständig) wird nun nebulös von drohenden Mehrkosten berichtet , von Risiken die drohen aber ohne konkrete Zahlen nennen zu können. Dankbarer Weise wird die aktuelle Baupreisentwicklung noch in einem Nebensatz erwähnt.

Um so konkreter werden die Berichte aber, wenn es darum geht die Forderungen der Projektgegner, wie z.B. ein Umstieg oder gar deren Kostenschätzung im Artikel unterzubringen. Nun denn, das gehört alles zum Ritual. Rituale, so wie wir sie schon oft erlebt haben und bis zur Fertigstellung von Stuttgart 21 sicherlich noch des öfteren erleben werden.

In einem Punkt jedoch sind sich Befürworter und Gegner, Aufsichtsräte, Vorstände und kritische Journalisten einig: jeder Euro Mehrkosten ist ärgerlich und sollte vermieten werden!

Es ist natürlich verlockend, nun den Planern plumpe Unwissenheit zu unterstellen, oder den Untergang deutscher Ingenieurskunst herbei zu reden. Das ist aber in erster Linie gegenüber denen, die tagtäglich ihr Bestes geben, um das Projekt zu realisieren,einfach nur unfair!
Bauen ist nunmal komplex und am komplexesten ist Bauen im Bestand.

Sicherlich hätte das ein oder andere Problem vermieden werden können, wenn der Bahnhof auf der grünen Wiese gebaut worden wäre. Wir hatten die Wahl: es hätte auch ein ICE Bahnhof im Rosensteinpark gebaut werden können, die Pläne dafür waren vorhanden. Aber sind wir mal ehrlich, wer von uns würde mit Gepäck von der S-Bahn Haltestelle Hauptbahnhof zum Rosensteinmuseum laufen – gerade bei so herrlichem (kalten) April-Wetter, wie heute?

Somit hätten wir das Problem des Bauens im Bestand eingetauscht, gegen das Problem der Erreichbarkeit des neuen Bahnhofs. Wohlgemerkt im Rosenstein wäre dann aber auch nur ein Haltepunkt für ICE Schnellzüge entstanden. Von der verpassten städtebaulichen Chance ganz zu schweigen.

Aber das Verdrängen unangenehmer Wahrheiten ist genauso ein lieb gewonnes Ritual, wie das schwäbische Bruddeln. Also: Buddle und ned bruddle!

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